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Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um das

Vorwort meines E-Books  "MfDialog: Faszien, Psyche und Homöopathie"

EIN FALL VON HEILUNG

In meiner klinisch-orthopädischen Ausbildung habe ich mich besonders um jene Patientinnen und Patienten bemüht, bei denen der postoperative Verlauf gestört war. Mich hat interessiert, wie deren Heilung zu begünstigen sei. Den Chefs war alles recht, was hilft, und andererseits hatten meine Kollegen weniger gern mit den Schattenseiten der ärztlichen Kunst zu tun. So konnte ich unbehelligt mit Homöopathie und Akupunktur experimentieren und erste ermutigende Erfahrungen mit integrativer Medizin sammeln.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich bei der Behandlung einer älteren Frau, welche ein künstliches Hüftgelenk bekommen hatte. Nach ihrer Operation war sie verwirrt und aggressiv. Die Schwestern, die versuchten, sie zu füttern, trugen blutige Kratzer im Gesicht und an Armen und Händen davon.

Sie hatte präoperativ zum wiederholten Mal eine Lungenentzündung gehabt, die mit Antibiotika behandelt worden war, und diese war zum ersten Mal aufgetreten, nachdem der Hausarzt es geschafft hatte, ihre offenen Beine zur Abheilung zu bringen. Nach der Operation war die Lungenentzündung wieder aufgeflammt. Sie konnte erneut mit Antibiotika in Schach gehalten werden, aber seit der Operation war die Patientin verwirrt.

Ich verordnete Bärlapp (Lycopodium). Es ist eine Pflanze, die nur als Homöopathikum, jedoch nicht in ihrem Urzustand medizinisch wirksam ist. Auf ihr Arzneimittelbild passte unter anderem die Symptomverlagerung von den venösen Ulzera auf die Lungenentzündung. Als ich ihr die Arznei zum ersten Mal verabreichte, war man gerade wieder beim Füttern. Die alte Frau biss, schlug um sich, kratzte und stieß dabei Laute aus, die nach einer Mischung aus Angst und Wut klangen. Mir gelang es, ihr einige Kügelchen zwischen die Lippen zu drücken - und sie nahm wie selbstverständlich der Schwester das Schüsselchen und den Löffel aus der Hand und sagte sehr freundlich: „Ach Schwester, ich kann doch selber essen.“

Man hätte die unmittelbare Besserung ihres Geisteszustandes für einen Zufall halten können. Dagegen sprach allerdings der weitere Verlauf.Ich hatte eine tiefe Potenz des Mittels gewählt. Erfahrungsgemäß sind tiefe Potenzen eher geeignet, organische Prozesse – in diesem Fall die Lungenentzündung - zu beeinflussen. Tiefe Potenzen wirken oft nur Stunden, so auch diese Gabe. Danach verwandelte sich die liebenswürdige alte Dame wieder in die verwirrte, aggressive Frau.

Bei Wiederholung des Mittels wurde sie wieder mit Berührung der Globuli an ihren Lippen freundlich gestimmt und klar im Geist. Das Spiel wiederholte sich mehrfach.Eine Suggestion war unwahrscheinlich, weil die Patientin in ihrer Verwirrung kaum ansprechbar war. Wir verabreichten es ihr regelmäßig, bevor ihre geistige Umnachtung wieder einsetzte. Die Lungenentzündung heilte damit ab, und die Patientin konnte bald entlassen werden.

Sie ließ mich zwar mit der Gewissheit zurück, dass Homöopathie durchschlagend wirken kann, jedoch musste ich in der Folgezeit feststellen, dass die Standard-Routinen der Homöopathie sehr stark auf die Sprache fixiert und daher beschränkt sind - wie ein Geograf, der sich zwar auf die Landkarte, nicht aber unmittelbar auf die Landschaft bezieht. Man verpasst sehr leicht die Wirklichkeit, wenn man die Karte dafür hält.